Die Stadt Erfurt hat im Februar die Haushaltsplanung für 2019/2020 veröffentlicht. Demnach werden Projekte freier Träger im Bereich der Breitenkultur, Kulturvereine, die freie Theater- und der Kunstszene mit 195.000 Euro gefördert. Das ist zu wenig! Die Ständige Kulturvertretung, die sich für die Belange der freien Kulturakteure einsetzt, fordert deshalb ein Umdenken!

Wie viel ist euch Kultur in eurer Stadt wert? Würdet ihr für tolle Festivals, Projekte und Aktionen, die das Leben in Erfurt bereichern mehr als einen Euro im Jahr ausgeben? Ja? Dann seid ihr der Stadt Erfurt bereits einen Schritt voraus. Denn der aktuelle Vorschlag der Stadtverwaltung zum Kulturhaushalt 2019 räumt der freien Kulturszene der Stadt im Rahmen der Projektförderung für dieses Jahr ganze 195.000 Euro ein.

Um diese Zahl mal kurz ins Verhältnis zu setzen: Erfurt hat über 210.000 Einwohner. Die Stadt investiert demnach für die freie Szene nicht einmal einen Euro pro Bürger im Jahr. Nicht mal ein Trinkgeld! Insgesamt erhielt Erfurt für 2019 über 90 Kulturförderanträge in Höhe von 556.000 Euro. Bleibt es bei diesem Obolus pro Bürger, können circa 30 Projekte realisiert werden. Wir sprechen demnach von round about 60 Festivals, Veranstaltungen, Projekten und tollen Aktionen, die 2019 von Erfurt nicht gefördert wird.

Natürlich könnten die Antragsteller versuchen, die Kosten aller ihrer Projekte selbst zu finanzieren und andere Quellen akquirieren, aber es geht um ein Zeichen der Stadt Erfurt, für die Menschen, die etwas für das positive Lebensgefühl, den Charme, die Allgemeinheit und die kulturelle Attraktivität der Thüringer Landeshauptstadt machen. Generell ist es ja eh so, dass sich die freie Szene ehrenamtlich engagiert. Oberkante-Unterlippe heißt es im Leben eines Künstlers, Projektes oder Akteurs zumeist. Der Ständigen Kulturvertretung geht es deshalb nicht nur ums Bare. Wichtig ist auch die Botschaft hinter dem Investitionsvolumen, das Erfurt freigibt. Was sendet das für ein Zeichen, wenn eine Landeshauptstadt einen Gesamthaushalt von über 855 Millionen Euro hat? 855.000.000 Euro! Und für die freie Kulturszene bleiben davon 195.000 Euro? Demnach bekommt die freie Kulturszene 0,04 Prozent. Anerkennung von gemeinnütziger Leistung, die Erfurt lebenswerter macht, sollte anders aussehen!

Kultur ist nicht nur Angebot und Nachfrage, besonders die freie Szene der Stadt diskutiert und reflektiert auf innovative Weise relevante, gesellschaftliche Fragen und Herausforderungen der Bewohner. Sie ist oft Medium zur Gestaltung einer demokratischen Gesellschaft. In diesem Zusammenhang ist es unerlässlich, die sehr vielfältige, oft ehrenamtliche Arbeit auf verschiedenen Ebenen zu unterstützen und wertzuschätzen. Dazu gehört natürlich auch die finanzielle Unterstützung.

Die Ständige Kulturvertretung (SKV) stellt daher die Forderung nach mindestens 300.000 Euro Projektfördermittel der Landeshauptstadt Erfurt für die freie Szene. Das wären dann etwa 0,05 Prozent des Gesamthaushaltes. 0,05 Prozent für Projekte und Veranstaltungen, die die Stadt lebendig machen. Selbst, wenn alle beantragten Projektgelder bewilligt würden, ist das noch nicht einmal ein Prozent des Gesamthaushaltes.

Mit den aktuell eingestellten 195.000 Euro für das Jahr 2019 bleibt eine enorme Lücke. Diese will die SKV geschlossen wissen. Auch der Bereich der institutionellen Förderung für freie Kulturträger ist dringend reformwürdig. Lediglich sieben freie Kulturinstitutionen werden seit Jahren mehr oder wenig gut gefördert. Da eine Aussicht auf Förderung so gering scheint, bewerben sich dafür auch nur wenige Kulturakteure – der Bedarf nach einer kontinuierlichen Unterstützung ist bei vielen Kultureinrichtungen jedoch sehr groß.

Die zu geringe Förderung der freien Kulturszene birgt enorme Risiken. Seit Jahren beobachten wir, wie junge Kulturschaffende aus Erfurt die Stadt verlassen und ihr Potenzial einer anderen Stadt, wie Leipzig und Berlin schenken, weil die Bedingungen für ihre Entwicklung hier nicht ausreichen. Die Menschen kommen wegen seines bunten Lebens in die Thüringer Landeshauptstadt. Junge Leute bleiben in Erfurt, weil etwas passiert. Weil freie Akteure ein alternatives Freizeitangebot schaffen. Davon profitiert die Stadt. Auch monetär. Doch wenn es kein buntes Leben mehr gibt, was dann? Was nützen riesige Hotels und Bettenburgen, wenn keiner mehr in die Thüringer Landeshauptstadt kommt, geschweige denn bleiben will? Wenn alternative Projekte und Veranstaltungen wegziehen? Nach Berlin und Leipzig? Erfurt verliert an Attraktivität und es entsteht auch nichts Neues. Der Nährboden fehlt, weil die Stadt nicht in die freie Szene investiert. Die Maus beißt sich selbst in den Schwanz.

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