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Glückwunsch, Erfurt! Aber wer macht eigentlich das Glück?

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Erfurt ist laut Glücksatlas die glücklichste Großstadt Deutschlands. Herzlichen Glückwunsch dazu! Wir freuen uns aufrichtig mit. Wirklich. Denn natürlich machen günstige Mieten, kurze Wege, viel Grün und eine gute Verkehrsanbindung das Leben angenehm. Niemand wird bestreiten, dass ein funktionierender Alltag glücklich machen kann.

Aber Hand aufs Herz: Wer erinnert sich später an die perfekte Straßenbahnverbindung? Und wer erinnert sich an die Nacht, in der er auf einem Konzert neue Freundschaften geschlossen hat? An das erste Mal auf einer Lesung, einem Festival, einer Ausstellung, einem Workshop oder einer durchgetanzten Sommernacht unter freiem Himmel?

Glück entsteht nicht nur zwischen Mietspiegel und ICE-Fahrplan.

Glück entsteht auch dort, wo Menschen Räume schaffen. Wo Ehrenamtliche Tresen bauen, Künstler*innen experimentieren, Kollektive Veranstaltungen organisieren, Vereine Häuser betreiben und Initiativen Begegnungen ermöglichen. Es entsteht in den freien Kultur- und Soziokulturorten dieser Stadt – oft mit wenig Geld, viel Improvisation und noch mehr Leidenschaft.

Wir freuen uns deshalb besonders, dass die freie Kulturszene in der Pressemitteilung ausdrücklich erwähnt wird. Denn sie ist kein nettes Beiwerk zur Lebensqualität. Sie ist ein wesentlicher Teil davon. Wer junge Menschen in der Stadt halten will, wer Fachkräfte gewinnen möchte, wer Studierende nach dem Abschluss nicht verlieren will und wer eine lebendige Stadtgesellschaft fördern möchte, braucht mehr als Straßen, Parkplätze und Verwaltungsdienstleistungen. Er braucht Orte, an denen Menschen sich begegnen, ausprobieren, streiten, feiern, diskutieren und kreativ werden können.

Anders gesagt: Die glücklichste Großstadt Deutschlands wird nicht nur im Rathaus verwaltet. Sie wird jeden Tag auch in Kulturzentren, Off-Spaces, Clubs, Ateliers, Projekträumen, Werkstätten und auf selbstorganisierten Veranstaltungen mitgestaltet.

Deshalb sollte die Auszeichnung nicht nur Anlass zum Feiern sein, sondern auch ein Auftrag: Wer die Lebensqualität Erfurts erhalten möchte, muss die freie Kultur- und Soziokulturszene dauerhaft fördern, absichern und als das anerkennen, was sie längst ist – ein zentraler Standortfaktor und ein unverzichtbarer Teil des Erfurter Glücks.

Oder um es etwas einfacher zu sagen:
Die Miete macht vielleicht zufrieden.
Die freie Szene macht glücklich.

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